Ein Besuch bei den Affen von Gibraltar

Gibraltar ist Europas einziges Land, in dem man frei lebende Affen beobachten kann. Wie die Population vor Ort entstanden ist, lässt sich heute nicht mehr genau sagen. Mit meiner Kamera habe ich mich dennoch auf Spurensuche begeben und den einzigartigen Lebensraum der europäischen Affen besucht. 

Europas wilde Affen

Wild lebende Affen gibt es in Europa eigentlich nicht. Doch da ist ein Ort, an dem man die frei lebenden Primaten auch auf dem alten Kontinent antrifft – Großbritannien. Genauer gesagt auf Gibraltar. Dieses 6,5 Quadratkilometer große Land mit seinen rund 30.000 Einwohnern ist eines von 14 Überseegebieten der Briten und liegt am südlichen Ende der iberischen Halbinsel in der Bucht von Algeciras. Es ist die einzige britische Kronkolonie, die Teil der Europäischen Union ist und gilt als eines der dicht besiedeltsten Länder der Welt. 

Bei der Anreise sieht man bereits von Weitem den 426 Meter hohen Upper Rock, einen Kalksteinfelsen, der den Großteil der Landfläche für sich beansprucht und Heimat der Affen ist. Gibraltars Makaken sind Nachkommen marokkanischer und algerischer Populationen, die auf dem rund 22 Kilometer entfernten und durch die Straße von Gibraltar getrennten, afrikanischen Kontinent beheimatet sind. Wie sie die Reise über das Meer bewältigt haben, darüber wird in zahlreichen Geschichten und Legenden spekuliert. Ob es schlussendlich Piraten oder die Mauren waren, die die Affen mitgebracht haben, lässt sich heute nicht mehr genau sagen. Doch vielleicht macht auch das einen Teil der Faszination für die tierischen Siedler aus.

Zankapfel Gibraltar

Die Straße von Gibraltar verbindet das Mittelmeer mit dem Atlantischen Ozean und gilt seit jeher als strategisch wichtiger Punkt in der Kriegsführung und im Handel. Durch die erhöhte Lage des Felsens kann man die Meerenge bestens Überwachen und hat die Kontrolle über den dort verlaufenden Schiffsverkehr. Auch heute ist der Verbindungsweg noch von großer Bedeutung. Bis zu 300 Schiffe täglich passieren die Durchfahrt und machen die Straße von Gibraltar damit zur meistbefahrenen Wasserstraße der Welt. Als Erstes erkannten die Mauren die große strategische Bedeutung der Halbinsel und nahmen diese 711 ein, um dort 1160 eine erste Festung zu errichten. Seitdem wurden viele Konflikte rund um das Gebiet ausgetragen und der Felsen immer weiter befestigt. Heute verlaufen mehr als 50 Kilometer Tunnel- und Befestigungsanlagen durch den Upper Rock, die zum Teil für Touristen geöffnet sind. Außerdem findet man eine Vielzahl alter Geschütztürme, die an strategisch wichtigen Punkten platziert sind und von wo aus man an klaren Tagen bis nach Afrika blicken kann.

Britisch wurde Gibraltar während des Spanischen Erbfolgekriegs am 4. August 1704. Gemeinsam mit den Niederländern eroberten die Engländer Gibraltar und machten sich dazu eine Eigenheit der Spanier zu Nutzen. Statt wie üblich im Morgengrauen anzugreifen, überraschten die Streitkräfte die spanischen Truppen während der Siesta am Nachmittag und konnten so erfolgreich das Land einnehmen. 1713 wurde das Gebiet dann, im Vertrag von Utrecht, formell den Briten zugesprochen und von diesen 1830 zur britischen Kronkolonie erhoben. Immer wieder unternahmen die Spanier Rückeroberungsversuche, blieben jedoch stets erfolglos. Bis heute sorgt Gibraltar für Spannungen im Verhältnis zwischen Großbritannien und Spanien. 

Großbritannien – Schutzmacht der Makaken

Als 1942 der 2. Weltkrieg in Europa tobte, blieb auch Gibraltar nicht von den Kämpfen verschont und war Schauplatz zahlreicher Schlachten. Damit das Militär freie Hand bei der Verteidigung gegen eventuell einfallende deutsche Truppen hatte, wurde die gesamte Zivilbevölkerung evakuiert und nach Madeira gebracht. Die Tunnelanlagen, die den Felsen damals bereits durchzogen, wurden weiter ausgebaut und boten rund 16.000 Männern und Frauen Schutz und Behausung. Die Makaken hingegen konnten nicht vor den einschlagenden Bomben fliehen und so dezimierte sich ihr Bestand zu dieser Zeit rasch auf weniger als ein Dutzend von ihnen.

Ein britischer Aberglaube war es dann aber, der ihr Fortbestehen auf dem Upper Rock sicherte. Glaubt man den Legenden, verliert Großbritannien den Felsen nämlich, sobald der letzte Affe Gibraltar verlassen hat. So kam es, dass sich Winston Churchill persönlich um deren Wohlergehen und den Fortbestand sorgte und kümmerte. Er beauftragte den Oberbefehlshaber seiner Nordafrikatruppen, die zu dieser Zeit im britisch besetzten Maghreb stationiert waren, 30 Berberaffen einzufangen und diese anschließend an die Royal Army in Gibraltar zu senden. Die Mission war ein voller Erfolg und bald darauf stabilisierte sich die Population der Berberaffen in Gibraltar wieder. Bis 1999 waren die Affen daraufhin direkt dem Londoner Verteidigungsministerium unterstellt, welches sich in Person eines Offiziers um Futter und Wohlergehen der Tiere kümmerte. Im Anschluss daran wurde die Obsorge der „Gibraltar Ornithological and Natural History Society“ übergeben, die sich bis heute um das Wohl der Berberaffen von Gibraltar kümmert.